Waldklinik Jesteburg hält nicht viel von der Gesundheitsreform

Ein Artikel aus der Landeszeitung Winsener Anzeiger vom 09. Juli 2026

Kurz vor dem Jubiläum blickt das Krankenhaus mit Sorge nach Berlin. Geschäftsführer Nils Aldag sieht in dem Gesetz vor allem neue Belastungen für die Klinik. Ihm fehlt die Beinfreiheit, selbst mehr zu entscheiden, besonders die Bürokratie koste zu viel Geld.

Jesteburg. Den 100. Geburtstag will die Waldklinik Jesteburg im Oktober feiern, auch wenn Geschäftsführer Nils Aldag kürzlich mit Blick auf die Gesundheitsreform flapsig formuliert hat, es sei doch fraglich, ob es die Klinik dann noch gibt (wir berichteten). Aldag lässt nicht viele gute Haare an den Plänen von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). An den Zielen sei im Grunde wenig auszusetzen, Kritik übt er an den Plänen: Zu viel Bekämpfung der Symptome, zu wenig Lösungen mit Blick auf die Ursachen. Sofern der Bundestag an diesem Freitag über die Reform beschließt, verfolgt Aldag sehr genau, was da in Berlin passiert.

„Wir fühlen uns wie in einem Korsett.“ Nils Aldag, Klinikchef Jesteburg

„Wir sehen, wie schlecht es dem System geht“, gibt Aldag zu, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vater Hans-Heinrich Aldag führt. Von daher sei es richtig und wichtig, die Probleme zu lösen. Was den Betriebswirt und Gesundheitsökonomen vor allem stört: „Wir fühlen uns wie in einem Korsett.“ Es fehle die notwendige Beinfreiheit, um im Wettbewerb zu bestehen, mit anderen Kliniken besser kooperieren zu können und sich von der Bürokratie zu befreien. Er bringt es auf die Formel: „Zumindest für uns Spezialkliniken gilt, dass wenn wir in Ruhe gelassen werden, dann wirtschaften wir auch gut.“

Spezialisierung auf neurologische Reha

Wirtschaften kann die Waldklinik offenbar, sonst hätte sie wohl die vergangenen 100 Jahre nicht überstanden. Gut 500 Mitarbeiter arbeiten in den Krankenhaus- und Rehabilitationsbereichen für Neurologie, Orthopädie und Geriatrie am Kleckerwaldweg und kümmern sich um die Patienten, für die es 260 Betten gibt. Mit im Krankenhaus quasi einer Aufgabe: neurologische Frührehabilitation. Zum Beispiel nach einem Schlaganfall. Aldag: „Die meisten Patienten kommen direkt aus den Notaufnahmen der umliegenden Krankenhäuser zu uns.“ Sechs bis neun Wochen seien sie dann in Jesteburg in der Hoffnung, sie so gut es geht wiederherzustellen, um ein normales Leben zu ermöglichen.

Das möchte das familiengeführte Unternehmen noch einmal 100 Jahre in Ruhe können. „Sie machen es uns aber nicht leichter“, bilanziert Aldag, „wir haben überhaupt keine Planungshoheit.“ Natürlich gebe es zu viele Krankenhäuser, es sei alles zu teuer, aber auch die Krankenkassen habe er im Blick: „Wozu brauchen wir die alle?“, fragt er, „die bieten zu 98 Prozent die gleichen Leistungen an und nutzen noch unterschiedliche IT- und Abrechnungssysteme.“ Da ließe sich viel Geld sparen. Stattdessen gehe es jetzt allen an den Kragen, vom Patienten über die Apotheken bis zu den Ärzten und Spitalen.

Medizinischer Dienst prüfe zu viel

Was er sich konkret wünscht: „Wenn wir sparen sollen, dann machen wir das. Aber das können wir nur, wenn die Bürokratie weniger ist.“ Es koste enormes Geld, alles monatlich zu melden. Natürlich müsse es Regeln und Vorschriften geben, aber es seien zu viele. Dabei spricht er von der Mentalität wiegen, zählen, messen. Als Beispiel nennt er die Untergrenzen fürs Pflegepersonal. „Warum reicht es nicht, wenn das im Durchschnitt stimmt?“, fragt er, „warum immer?“ Stichproben hält Aldag dabei für richtig und wichtig, schließlich gebe es in jedem System schwarze Schafe.

Ein Dorn im Auge ist dem Klinikchef auch der Medizinische Dienst, der im Auftrag der Krankenkassen und Pflegeversicherungen alles unabhängig prüfen und begutachten soll. Aldag stellt infrage, dass der Aufwand für die Kontrollen im Verhältnis zu den Kosten steht, zumal der Dienst fortan noch mehr machen solle als bisher, so die Reform von Warken.

Forderung nach mehr Wettbewerb und Dialog

Was er sich noch wünscht: „Mehr Wettbewerb, Belohnung für bessere Qualität und mehr Visionen.“ Daran kranke die Gesundheitsreform, bei der er noch auf kurzfristige Änderungen hofft. Die Ministerin denke das Problem nicht vom Ende her, es sei nicht nachhaltig genug, sondern nur eine kurzfristige Lösung. Nachhaltigkeit sei nur möglich, wenn die Politiker viel mehr mit den Beteiligten redeten, um alle zusammenzuholen, auszugleichen und Konsens zu finden. Aldag: „Die Methodik ist falsch, sie reden zu wenig und entscheiden zu viel.“

Ob es am Freitag überhaupt zur Abstimmung kommt, ist noch fraglich. Wie berichtet, fühlen sich die Grünen im Bundestag von mehreren kurzfristigen Änderungen am Gesetz überrumpelt, sie hätten zu wenig Zeit, das alles so schnell zu prüfen, und wollen die Abstimmung verhindern, heißt es. Überhaupt ist mit einem Beschluss im Bundestag noch nichts entschieden. Beteiligt sind auch die Bundesländer über den Bundesrat, der zwar nicht zustimmen muss, aber den Vermittlungsausschuss anrufen kann. Aldag: „Vielleicht können wir über den Weg noch Einfluss nehmen, denn mit dem niedersächsischen Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) sind wir uns einig, dass es eben nicht so sehr gelungen ist.“

Quelle: LZ/WA, S. Dammann